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Musikinstrumentenbedarf • Restauration • Klaviaturen • Bogenfrösche • Stegplatten • Kopfplatten •Schmuck • Lupenmalerei • Restauration • Schnitzerei

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Die Technik der Elfenbeinbearbeitung im Wandel der Jahrtausende

Elfenbein ist ein „Hightech-Werkstoff“ aus der Natur. Es ist seit Urzeiten und in fast allen Kulturkreisen für die Herstellung von Kult- und Gebrauchsgegenständen verwendet worden. Heute besitzt es nur noch im asiatischen Raum einen hohen traditionellen Stellenwert, und wird dort nach wie vor in großen Mengen verarbeitet.Neben dem Elfenbein von Narwal, Pottwal, Nilpferd und Warzenschwein sind vor allem die Stoßzähne des Mammuts sowie des afrikanischen und indischen Elefanten, die von der Dimension und Quantität größten Elfenbeinlieferanten. Beim Mammut waren Längen von 4 - 4,5 Meter und Durchmessern von 35 cm pro Stoßzahn keine Seltenheit, bei einem Gewicht von bis zu 125 Kilogramm. Dieses sibirische Elfenbein, noch heute in Asien „schwarzes Elfenbein“ genannte Material, wurde im asiatischen Raum schon in frühgeschichtlichen Zeiten gehandelt und früher wie heute in großen Mengen zu Schmuck und Gebrauchsgegenständen verarbeitet. Allerdings hat dieses Elfenbein durch seine Lagerung im Erdreich im Laufe der Jahrtausende einige typische Eigenschaften des Elfenbeins eingebüßt. Es ist sehr instabil, und die für Elfenbein typische Elastizität ist verloren gegangen. Für technische Zwecke ist es also praktisch nicht mehr zu gebrauchen. Durch die Einlagerung im Erdreich, damit sowohl dem Permafrost als auch kurzen sommerlichen Tauperioden ausgesetzt, hat sich hier über die Jahrtausende die Kollagenstruktur aufgelöst, was zu Rissbildungen im Material führt. Eingelagerte Mineralien sind für zum Teil erhebliche Verfärbungen verantwortlich. Die für das Elfenbein typische Transparenz ist dabei fast gänzlich verloren gegangen und es hat dadurch im Vergleich zu frischem Elefantenbein einen ausgesprochen toten Charakter. Obwohl das Mammutelfenbein noch in großen Mengen vor Ort liegt, sind nur 30% der Funde handwerklich verwertbar. Der Rest ist so rissig, dass es praktisch wertlos ist. Die brauchbaren Funde werden heute meist mit tief ins Material eindringenden Kunstharzen stabilisiert, um ein späteres Reißen zu verhindern. Leicht feststellbar ist das beim späteren Bearbeiten mit Fräsen oder beim Drechseln. Zum einen am Geruch, zum anderen an der Kurzspanigkeit der Frässpäne.

Beim afrikanischen Elefanten, dessen Verbreitungsgebiet sich ursprünglich bis nach Nordafrika, und dem asiatischen Elefanten, dessen Verbreitungsgebiet sich bis nach Mesopotamien und Persien erstreckte, sind allerdings nur Stoßzahnlängen und -Gewichte bis höchstens zwei Drittel von denen des Mammuts belegt.

Die Qualität des heute gehandelten Elfenbeins ist sehr unterschiedlich und hängt ausschließlich von der Herkunft ab. Man unterscheidet zwischen weichem und hartem Bein. Als Grundregel für die Güte des Elfenbeins kann man sagen, dass sich die Qualität mit der Entfernung vom Äquator verschlechtert. Elfenbein vom Kap oder aus dem Norden des Verbreitungsgebietes ist sehr grob und wenig transparent. Für hochwertige Kunstgegenstände ist es in historischer Zeit praktisch nicht verwendet worden. Nur im Elfenbein des Äquatorialgürtels spiegelt sich der ganze Reiz dieses Materials. Aber selbst dieses Elfenbein hat etliche Besonderheiten, welche zu Zeiten, als alle Varietäten noch uneingeschränkt gehandelt wurden, für die Qualität der Arbeiten maßgeblich war. Fast alle Kunstwerke von Rang sind aus diesem Elfenbein gefertigt. Es ist sehr fein gemasert, hat ein leicht schimmerndes, durchscheinendes Aussehen und eine bei Berührung warme, angenehme Haptik. Äußerst elastisch und doch sehr hart, hat es eine unnachahmliche Wachstumsarchitektur. Kein Kunstprodukt kann sich bislang in der Qualität und Schönheit mit diesen Eigenschaften messen. An der Verarbeitungstechnik des Materials hat sich über viele Jahrhunderte nichts Wesentliches geändert. Erst in den letzten zwei Jahrhunderten des Maschinenzeitalters sind manche Verarbeitungstechniken einfach verloren gegangen.

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Die Größe der Kunst- und Gebrauchsgegenstände war durchaus nicht immer auf die Dimension eines Stoßzahns beschränkt. Seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. waren in Griechenland bis zu 12 Meter hohe Gold-Elfenbein Götterstandbilder in großer Zahl entstanden (Pausanias). Die großen Mengen an dem dafür benötigtem Elfenbein kamen aus Libyen, dem Sudan und Äthiopien nach Griechenland. Bei einigen antiken Schriftstellern deuten vorgetragene Hinweise mit großer Sicherheit darauf hin, dass es Techniken gab, um das Elfenbein zu erweichen, zu biegen oder zu dehnen. Diese Techniken wurden dann bei den so genannten chryselephantinen Großplastiken eingesetzt, um große Partien flächig zu verkleiden. Heute ist das Wissen darüber verloren. Abgesehen von Teilen aus Goldblech, welche bei Grabungen in Delphi gefunden wurden, hat sich aber von den einstigen Großplastiken nichts Nennenswertes mehr erhalten. Die chryselephantine Technik erlebte bei Kleinplastiken noch einmal eine Renaissance im Art Deco des letzten Jahrhunderts. F. Preiss (Deutschland) und D.Chiparus (Frankreich) waren die bedeutendsten Vertreter dieser Kunstform, Elfenbein mit anderen Materialien zu verbinden.

Insgesamt sind viele Techniken und Verarbeitungsmethoden jedoch für immer verloren gegangen, da sie nie niedergeschrieben wurden und nur einen kleinen Kreis von Personen zugänglich waren. Dieser Verlust von Wissen ist insofern auch erklärlich, als es im Laufe der Jahrhunderte oft lange Zeitabschnitte gab, in denen Elfenbein im europäischen Raum nicht dem Zeitgeist entsprach und somit auch nicht verarbeitet wurde.

Die verfügbare Fachliteratur des 19. Jahrhunderts berichtet nur mehr über allgemein verwendete Techniken mit chemischen Mitteln, welche in der Lage sind kleine und dünne Elfenbeinstücke zu verformen oder zu verfärben. Beispielsweise, um noch seltenere Materialien wie Schildpatt perfekt zu imitieren. Allgemeine Verarbeitungstechniken haben sich aber nach wie vor bis heute erhalten.

Da sich das Elefantenbein – anders als beim angewitterten und rissigen Mammutbein – nicht ohne große Materialverluste spalten lässt, muss es gesägt werden. Das Zerteilen war früher eine außerordentlich langwierige, kraftraubende Prozedur. Heute wird das mit Maschinen erledigt wird, wobei der Verschnitt minimal ist.

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Da Elfenbein hygroskopisch (Wasser aufnehmend) ist, hat man sich diesen Umstand zu Nutze gemacht, um das Material für die Bearbeitung mit Sägen weicher zu machen und auch, um gleichzeitig das Reissen zu verhindern. Das gewässerte Elfenbein läßt sich dann leichter mit Kupfer- oder Eisensägen der Länge nach in Platten verschiedener Stärke aufschneiden. Solche Arbeiten, mit selbst für die heutige Zeit enormen Abmessungen, kann man zum Beispiel bei noch erhaltenen Gebrauchsmöbeln und Spieltischen des alten Ägyptens oder bei erhaltenen Gegenständen aus dem römischen Einflussgebiet sehen. Gerade im Möbelbau der Antike waren Elfenbeinfüße oder großflächige Einlegearbeiten oder Verkleidungen aus Elfenbein üblich und weit verbreitet. Auch kultische Kleinplastiken, Gebrauchsgegenstände wie Kämme und Haarnadeln und gedrechselte Dosen wurden in enormen Mengen aus Elfenbein hergestellt. Die alte Hafenstadt Aquilea war einer der Hauptorte im Römischen Reich, in der fabrikmäßig große Mengen an Elfenbein zu Gebrauchs- und Luxuswaren verarbeitet wurden.

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Die Weiterverarbeitung war dann das Schleifen und die Politur der Oberflächen.

Zum Teil wurden die fertigen Platten auch mit Basreliefs verziert. Auch hier hat sich an der Verarbeitungsmethode im Prinzip nichts geändert. Nach wie vor wird das Elfenbein mit Bimsmehl und Kreide verschiedener Körnungen bis zum Mattglanz geschliffen. Für die Schlusspolitur wird Kreide mit Spiritus verwendet. Elfenbein hat eine so hohe Dichte, dass mit dieser ältesten Art der Politur das beste Ergebnis erzielt wird. Erst mit ihr entsteht die faszinierende Tiefe, die eine Elfenbeinoberfläche so unnachahmlich macht. Die in den letzten zwei Jahrhunderten verwendeten aufgesetzten Polituren mit Carnauba-Wachs, die zum Teil bei der industriellen Elfenbeinverarbeitung eingesetzt werden, können das bei weitem nicht erreichen.

Einige wenige traditionelle Arbeitsschritte zu Beginn des Verarbeitungssprozesses sind im Laufe der Zeit durch Maschinen ersetzt worden. Es gibt heute noch einige Schnitzer in Europa, die sich der traditionellen Schnitztechnik verschrieben haben und das Arbeiten mit Bohrschläuchen und Fräsen in der Endphase der Herstellung ablehnen. Für diese Handwerker hat sich das Werkzeug seit Jahrhunderten nicht geändert. Es besteht in der Regel lediglich aus etwa 20 bis 30 Schabern aus Werkzeugstahl mit unterschiedlichen Profilen. Diese Profile stellt sich jeder Schnitzer nach seinen Bedürfnissen selbst her. Von diesen Schabern wird immer derjenige gewählt, der das passende Profil entsprechend der Oberfläche hat. In der linken Hand wird das zu bearbeitende Werkstück gehalten. Über den Daumen, der als Hebel wirkt, wird dann mit dem Schaber, der wie ein Bleistift gehalten wird, die Oberfläche geschabt. Auf diese Art lassen sich die allerfeinsten Oberflächen erzielen. Ein Nachschleifen ist praktisch nicht mehr nötig. Gerade bei Kleinplastiken und Reliefs sind exakte, vordefinierte Flächen wichtig. Elfenbein mit seiner hohen Dichte ist ein ideales Material, um selbst mikroskopisch kleine Details zu verwirklichen. Es lässt sich bis 1/10 mm dünn verarbeiten, ohne zu brechen. Seine Elastizität ist unvorstellbar gut. Die perfekte Oberfläche ist das Ziel eines jeden Schnitzers. Der Einsatz von Fräsen und Bohrschläuchen erleichtert zwar die Arbeit wesentlich, doch nicht unbedingt zum Vorteil bezüglich der Qualität. Ein Großteil der Arbeiten aus den letzten 50 Jahren verkörpert leider im Ergebnis nichts von dem, was an Potential im Material steckt. Im Prinzip hat sich also über die Jahrtausende, was die Oberflächenverarbeitung betrifft – von der Qualität der Werkzeuge einmal abgesehen – keine wesentliche Verbesserung erzielen lassen. Stichel und Schaber haben heute wie vor tausend Jahren noch die selbe Funktion, ob sie aus Feuerstein, Kupfer oder Werkzeugstahl bestehen. Ein anderer Zweig der Elfenbeinverarbeitung ist die Drechslerei mit diesem Material. Im 17. Jahrhundert entdeckte der Adel in Europa das Material wieder neu, nachdem es Jahrhunderte lang nur für christliche Devotionalien verwendet worden war. Man schaffte sich Wippdrehbänke oder Passigdrehbänke an, auf denen sich hochkomplizierte Elfenbeindrechslereien wie zum Beispiel Contrefaitkugeln herstellen liessen. Einige der berühmtesten Arbeiten aus dieser Zeit sind im Grünen Gewölbe in Dresden zu besichtigen und stehen für Arbeiten, wie sie in ganz Europa hergestellt wurden.

Die Wippdrehbank ist die fußbetriebene Weiterentwicklung der Schnurzugdrehbank, welche im Altertum und bei den Römern in Verwendung war und mit Hilfe derer Dosen aus Elfenbein und Knochen gedreht wurden. Von den Passigdrehbänken gibt es weltweit nur noch wenige Exemplare und entsprechend wenige Handwerker, die noch in der Lage sind sie zu bedienen.

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Aus dieser Modeerscheinung im 17. Jahrhundert entwickelte sich im Laufe der Jahre ein ansehnliches Handwerk in ganz Europa, das trotz aller Höhen und Tiefen bis heute Bestand hat.

Der Höhepunkt der Elfenbeinverarbeitung in Europa ist längst überschritten. Rund 150 Jahre ist es her, daß mit dem Beginn der Kolonialzeit unglaubliche Mengen Elfenbeins aus den Kolonialgebieten nach Europa importiert wurden. Mangels verfügbarer Kunststoffe wurde praktisch jeder Gebrauchsgegenstand in seiner besseren Ausführung auch aus Elfenbein hergestellt. Ein großer Teil der Produkte wurde bald auch mit Hilfe der Dampfkraft maschinell verarbeitet. Wo zum Beispiel ein Kammmacher für die Herstellung eines Staubkamms mit 60 Zähnen auf den Zoll rund einen Tag an Handarbeit benötigte, waren nun auf der Maschine nur noch 10 bis 20 Minuten nötig.

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Rund 550.000 Kg wurden jährlich alleine in Europa verarbeitet! Im Altertum dürfte der Verbrauch in manchen Jahrhunderten ebenso hoch gewesen sein. Nicht wegen der vielen Gegenstände, die aus Elfenbein hergestellt wurden, sondern wegen des extrem hohen Materialverschnittes beim Zerteilen der Zähne. Doch gab es auch in der Antike immer wieder lange Phasen, in denen kaum Nachfrage nach Elfenbein bestand und die Elefantenpopulationen sich erholen konnten.

Mit der Entwicklung der ersten Kunststoffe um 1900 verschwand dann der Bedarf an Elfenbein für Gebrauchsgegenstände. Lediglich Schmuck und Klaviaturen wurden noch in nennenswerten Mengen hergestellt, bis der Handel mit Rohelfenbein 1989 eingeschränkt wurde. Heute werden in ganz Europa im Jahr ca. 500 Kilogramm verarbeitet. Das ist ein Bruchteil von dem, was in Asien heute immer noch jährlich an Elfenbein und Mammut benötigt wird. Vorwiegend verwendet wird das Elfenbein in Europa heute für die Restaurierung und für hochwertige Musikinstrumente. Durch das seit 1989 in Kraft getretene Washingtoner Artenschutzabkommen wird seitdem ausschließlich Altbestand verarbeitet. Man schätzt, dass die Bestände beim derzeitigen Bedarf noch ca. 30 Jahre ausreichen werden.

J.Gg.Bücking , Erlangen 2008

J.GG.BÜCKING

Elfenbeinwaren seit 1746

Mitglied im deutschen Elfenbeinverband e.V.

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